Frühförderung für Kinder in Lübeck

Der Förderverein für Lübecker Kinder sucht Paten, die sich für die intellektuelle Entwicklung ihrer Schützlinge einsetzen

Der Förderverein für Lübecker Kinder vermittelt Paten, die sich ehrenamtlich um Kinder aus bildungsfernen Haushalten kümmern, ihnen vorlesen, mit ihnen spielen oder bei den Hausaufgaben helfen. © KZENON / FOTOLIA

Das Startkapital, das die Natur dem Menschen zur Geburt spendiert, ist gewaltig: ein aus 180 bis 200 Milliarden Nervenzellen bestehendes Gehirn. Und je mehr Zellen im Laufe der ersten Lebensjahre verknüpft werden, desto höher ist die Leistungsfähigkeit des Denkapparates. Bis zu 10.000 Verbindungen sind theoretisch pro Zelle möglich. Doch das schafft niemand. „Das Problem ist nur, dass wir Impulse von außen brauchen, um an unser intellektuelles Potenzial heranzukommen“, sagt Prof. Dr. Hans Arnold, ehemals Direktor der Klinik für Neurochirurgie am UKSH Lübeck. Nach seiner Uni-Karriere hat sich der 79-Jährige den karitativen Förderverein für Lübecker Kinder e.V. zur Lebensaufgabe gemacht, der dank seiner Initiative im Jahr 2006 gegründet wurde.

Frühzeitiger Informationszufluss bei Kindern

Die Forschung geht davon aus, dass die Gehirnzellen, also die Neuronen, bis ungefähr zum sechsten Lebensjahr die notwendigen Verbindungen, die sogenannten Synapsen, untereinander herstellen - vorausgesetzt, sie erhalten genügend Anregungen und Informationszufluss. Ab diesem Zeitraum wird es schwer, fehlende Bildungen herzustellen. „Das heißt im Klartext, wenn bis zur Einschulung nicht genügend Input erfolgt, kommt später auch nicht mehr viel heraus“, heißt es auf der Website des Fördervereins für Lübecker Kinder.

Paten des Frühfördervereins

Darum vermittelt der Verein Paten, die sich ehrenamtlich um Kinder aus bildungsfernen Haushalten kümmern, ihnen vorlesen, mit ihnen spielen, Hausaufgaben machen, das Kindertheater oder den Zirkus besuchen, kurzum: Impulse und Input geben.

Vorteile durch intensive Förderung

„Die Sozialwissenschaft weiß schon lange, dass Kinder, die in einem schwierigen Umfeld aufwachsen, später viele Fähigkeiten nicht haben, über die ihre Altersgenossen verfügen, die gerade im Säuglings- und Vorschulalter intensiv gefördert wurden“, sagt der Professor. „Tatsächlich ist dieser Umstand auch im Hirn nachweisbar. Nicht genutzte Nervenzellen sterben ab, und nach vier oder fünf Jahren kann man den Unterschied mit bildgebenden Untersuchungen sogar sichtbar machen.“

Vorlesen statt vor den TV setzen

Wie solche Differenzen aussehen können, skizziert Dr. Heike Arnold. Die Ärztin, die sich ebenso wie ihr Mann für den Förderverein für Lübecker Kinder e.V. engagiert, hat sich auf Entwicklungsstörungen spezialisiert : „In Akademiker-Haushalten wird den Kindern im Schnitt bis zur Einschulung 1600 Stunden vorgelesen. In der bildungsfernen Schicht sind es nur 25 Stunden. Die Kleinen werden stattdessen oft einfach nur vor dem Fernseher geparkt.“ Doch gerade das sei Gift für das kindliche Hirn, das schnelle Szenenabfolge gar nicht nachvollziehen könne. „Kinder brauchen Wiederholungen, um zu lernen“, sagt sie. „Und ein Lob, wenn sie etwas geschafft haben.“

Erfolge durch den Lübecker Förderungsverein

Mindestens zwei Stunden pro Woche und zehn Monate im Jahr sollen sich die Paten des Fördervereins um ihre Schützlinge kümmern, um positive Effekte zu erzielen. Der Verein blickt mit Stolz auf zahlreiche Erfolge zurück. „Wir hatten zum Beispiel einen Jungen, der zunächst nur eine Hauptschulempfehlung hatte, jetzt macht er Abitur“, erzählt eine begeisterte Heike Arnold. „Ein anderer, anfangs kaum schulfähig, ist heute Klassensprecher.“

Paten für Kinder mit Sprachdefiziten gesucht

Aktuell sucht der Verein vier Paten, etwa für ein vierjähriges Kind, das in Lübeck geboren ist, jedoch kein Wort Deutsch spricht und deswegen nicht einmal einen Kita-Platz bekommen hat. „Bei diesem Kind können wir noch viel erreichen“, ist sich der Professor sicher. Das Geschwisterkind im Grundschulalter hat schon eine schlechtere Prognose und muss wegen sprachlicher Defizite bereits eine Klasse wiederholen.

Lernen wird mit dem Alter schwieriger

Es ist natürlich nicht zwangsläufig alles verloren, wenn die ersten Lebensjahre schlecht gelaufen sind, aber es wird sehr viel schwieriger. „Erwachsene und ältere Kinder lernen anders als Kleinkinder“, erklärt Hans Arnold, „sie müssen mit den vorhandenen Strukturen auskommen. Das Gehirn von Kleinkindern bildet einfach fortwährend neue Vernetzungen und baut damit sein Potenzial aus. Lernt ein Vierjähriger ein Instrument, kann er es bis in die Weltspitze schaffen. Ein Viertklässler muss, will er dasselbe erreichen, viel mehr Fleiß und Zeit investieren.“ So hoch hinaus muss es gar nicht gehen. Dem Förderverein geht vielmehr es darum, dass die Kinder eine Chance auf ein normales bürgerliches Leben haben und auch etwas vom sprichwörtlichen Kuchen abbekommen.

Mehr Infos unter www.f-luebecker-kitas.de

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