ADHS bei Erwachsenen

Auch noch im Erwachsenenalter taucht das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf

Methylphenidat (bekannt unter dem Markennamen „Ritalin“) ist seit 2011 auch für Erwachsene zugelassen. Der Effekt auf ADHS-Erkrankte: Dopamin hält sich länger zwischen den Nervenzellen auf und entfaltet eine positiveWirkung. © ADIMAS / FOTOLIA

Man selbst nimmt ja nicht wahr, dass man Dinge anders erlebt, als andere Menschen“, erinnert sich Veronika. „Nur das Unverständnis, die Widerstände und die abweisenden Reaktionen anderer sind im Nachhinein ein Hinweis.“ Dass ihr Anderssein einen Namen hat, weiß die Studentin erst seit drei Jahren. Da stellte man die Diagnose ADHS. Sie leidet also an einer Störung, von der es lange Zeit hieß, nur Kinder seien von ihr betroffen.

Alltag mit ADHS

Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation gibt es in Deutschland etwa zweieinhalb Millionen Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. „Hätte ich als Kind die wohl typischen Symptome wie Aggressionen, unerklärliche Impulsivität und schlechte Schulnoten gezeigt, wäre die Diagnose sicherlich früher gestellt worden, aber ich war eher verträumt, nicht sehr oft in der Realität, aber dennoch immer mit sehr guten Schulnoten.“ Die Probleme entwickeln sich in der Jugendzeit: Veronika fühlt sich immer weniger anerkannt, kapselt sich von Mitmenschen ab, verliert die Lust am Lernen, fliegt von der Schule. In den Folgejahren wechseln sich sprunghaftes Engagement für neue Ideen und Interesse an komplexen Inhalten sowie spontane Lustlosigkeit und Desinteresse ab. Mehrere Ausbildungen werden begonnen und wieder abgebrochen, finanzielle Probleme stellen sich ein, ein Unorganisiertsein sowie eine allgemeine Orientierungslosigkeit bestimmen den Alltag für Jahre. Es scheint, als ob die junge Frau immer Anläufe nehmen und aus unerklärlichen Gründen gegen die Wand fahren würde. „Eine Depressionsphase nach der anderen folgte“, sagt Veronika. „Es schien, dass es keinen Ausweg gäbe, dass ich gefangen war im Misserfolg. Irgendetwas schien noch hinter all dem zu stecken, was mir noch unbekannt war.“

Spezialsprechstunde für Erwachsene mit ADHS

Weil die junge Frau schon immer allen Dingen auf den Grund gegangen ist und sie von der These gehört hatte, dass nicht nur Kinder unter ADHS leiden können, sondern auch Erwachsene, wandte sie sich an das Ambulanzzentrum für Integrative Psychiatrie des Universitätsklinikums zu Lübeck, das seit Jahren eine Spezialsprechstunde für ADHS im Erwachsenenalter anbietet.

Symptome bei ADHS-Erkrankten

Hier weiß man, dass Erwachsene mit ADHS unter großer Unruhe und Rastlosigkeit leiden und andere Symptomkonstellationen wie desorganisiertes Verhalten, fehlendes vorausschauendes Handeln und emotionale Instabilität zeigen. Frauen, die als Kind oft die Form des verträumten Typus’ spiegeln, seien im Erwachsenenalter oft abwesend und passiv, neigten dazu, sich schnell zurückzuziehen und zu resignieren. Das Risiko eine Abhängigkeit oder andere psychische Störungen wie Ängste oder Depressionen zu entwickeln, sei bei allen ADHS-Erkrankten hoch. Betroffen sind etwa 30 Prozent.

Hinweise auf eine ADHS-Erkrankung

Hinweise ergeben sich für Experten aus der Häufigkeit der Schulwechsel, der verschiedenen Ausbildungen, die begonnen aber nicht abgeschlossen wurden oder aus der Anzahl der Jobwechsel. „Es gibt wissenschaftliche Kriterien, auf denen die Diagnose basiert“, erklärt Veronika. „Auch die Zeugnisse der Grundschule geben Aufschluss.“ In ihrem Fall interessierten die Ärzte nicht die Noten, sondern die Kommentare der Lehrer. In Veronikas Fall hatte man dort stets vermerkt, das Kind beschäftige sich immer wieder mit selbstgewählten Aufgaben, sei unaufmerksam und verträumt und ließe sich nicht auf die im Unterricht angestrebten Ziele ein.

Therapiemöglichkeiten bei ADHS

Weil ADHS auf einen Mangel an oder eine verminderte Wirkung der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, also an Botenstoffen, die für die Aufmerksamkeit, Antrieb und Motivation zuständig sind, zurückgeht, geht es bei der Therapie Betroffener in erster Linie darum, diese Defizite auszugleichen. Manchen hilft eine Art Coaching, damit sie ihren Alltag organisieren können, anderen hilft eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten. Ein Präparat mit dem Wirkstoff Methylphenidat, das sich seit 60 Jahren bei ADHS-Kindern bewährt hat, ist seit 2011 auch für Erwachsene zugelassen, wird von den Krankenkassen erstattet und zeigt deutliche Effekte: Dopamin hält sich nach der Einnahme länger zwischen den Nervenzellen auf und entfaltet dadurch eine aktivierende Wirkung.

Medikamente und Therapie

Die Behandlung mit dem Medikament war für die junge Frau eine Eröffnung. Eine „Erlösung“ wie sie es selbst nennt. „Erst da habe ich meine bisherige Art, die Dinge wahrzunehmen, verstanden. Hatte ich zuvor die Umwelt offenbar ungefiltert erlebt, erfahre ich durch das Medikament zunächst so etwas wie eine Einschränkung. Während zuvor alle Geräusche, Signale und Reize gleich stark auf mich einwirkten und mich von der Beendigung einer Sache abhielten, sehe ich die Dinge plötzlich wie durch ein Brennglas. Das ermöglicht es mir, mich wieder auf eine Sache zu konzentrieren, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und Prioritäten zu setzen.“ Seit ihrem ersten Besuch in der Spezialsprechstunde ist Veronika eingebunden in eine therapeutische Gesamtstrategie. Regelmäßig wird sie von ihrem betreuenden Arzt untersucht und ihre Situation wird ärztlich abgeklärt. „Mir ist bewusst, dass ich nicht mein Leben lang dieses Medikament einnehmen möchte. Mein Bestreben ist, parallel eine zusätzliche Verhaltenstherapie zu machen, um meinen jetzigen Zustand unabhängig von Medikamenten zu stabilisieren.“

www.uksh.de/ZIP_Ambulanzzentrum_Luebeck/Spezialsprechstunden.html
www.zentrales-adhs-netz.de
www.adhs-deutschland.de
www.adhs-infoportal.de

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