Medizinische Mythen

So manche Gesundheitsempfehlung entpuppt sich bei wissenschaftlicher Betrachtung als unwahr

Märchenstunde: Zahlreiche „Weisheiten“ im Gesundheitsbereich halten sich zwar beharrlich, doch vieles davon ist Unsinn und hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. © STILL & MOTION / FOTOLIA

Wissenschaftler aus USA und Deutschland haben eine Reihe von medizinischen Mythen unter die wissenschaftliche Lupe genommen. Ergebnis: Bei manchen populären Empfehlungen, die selbst Ärzte weitergeben, handelt es sich in Wahrheit um Märchen.

Lesen bei schlechtem Licht schädigt die Augen

Das trifft auf Erwachsene nicht zu. Die Augen werden zwar mehr angestrengt, das kann zum Verschwimmen der Buchstaben und zur Ermüdung führen, aber zu keiner Sehschwäche. Anders ist das bei Kindern im Wachstumsalter. Bei ihnen bewirkt etwa Lesen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke einen Wachstumsreiz für den Augapfel. Dadurch kann sich der Augapfel verlängern und eine Kurzsichtigkeit entwickeln.

Handyverbot im Krankenhaus

Angeblich stören die Mobiltelefone durch ihren Elektrosmog empfindliche medizinische Geräte oder die Herzschrittmacher von Patienten. Nach einer Untersuchung der US-Mediziner Aaron Carrol und Rachel Vreeman von der Universität Indiana gibt es keine seriös dokumentierten Fälle von Schäden durch Smartphones in Krankenhäusern.

Der Mensch nutzt nur einen Bruchteil seiner Gehirnkapazität

Es heißt, der Mensch schöpfe nur zehn oder maximal 25 Prozent seiner Hirnkapazität aus. Der Rest liege einfach brach. Stimmt nicht, weisen die Mediziner nach. Aus Untersuchungen mit Magnetresonanz- oder Positronen-Emissions- Tomographie weiß man, dass es keinerlei inaktive Bereiche im menschlichen Gehirn gibt.

Zwei Liter Wasser pro Tag

Auch das ist so nicht richtig. Der eine braucht mehr, der andere weniger. In unterschiedlichen Situationen, etwa bei Anstrengungen oder Hitze, brauchen wir auch ganz verschiedene Mengen an Flüssigkeit. Vermutlich entstand der Fehler durch eine Ernährungsempfehlung der US-Ernährungsbehörde, wonach der Gesamtbedarf an Flüssigkeit bei zwei Litern täglich liegt - der Wassergehalt von Suppen, Brot, Gemüse, Obst, Kaffee oder Tee mit inbegriffen.

Nach dem Tod wachsen Haare und Nägel weiter

Unsinn, sagen die Experten. Nach dem Tod zersetzen sich die Zellen von Fingern, Zehen und der gesamten Haut sehr rasch. Gewebe unter Barthaaren und Nägeln schwindet. Dadurch entsteht der Eindruck, die Barthaare und Nägel seien weitergewachsen.

Zitrusfrüchte enthalten das meiste Vitamin C

Orangen, Zitronen und Grapefruits enthalten mit durchschnittlich 50 Milligramm (mg) reichlich Vitamin C. Aber es gibt Früchte, die erheblich größere Mengen pro 100 Gramm aufweisen: Die so genannte Acerolakirsche kann bis zu 3000 mg enthalten. Besonders reich an Vitamin C sind auch Hagebutte (1250 mg), Sanddorn (266 mg), schwarze Johannisbeere (180 mg), Vogelbeere (98 mg) und Papaya (82 mg).

Brauner Zucker ist gesünder als weißer Zucker

Alle Sorten von Zucker sind gleichermaßen ungesund, ob weiß, braun, als Puderzucker, Würfelzucker oder in Form von Honig. Deshalb sind auch Bonbons mit Zusatz-Vitaminen abzulehnen. Das hat damit zu tun, dass Zucker außer Kalorien keine lebenswichtigen Stoffe liefert, sehr rasch ins Blut gelangt und die Bauchspeicheldrüse zur Freisetzung übermäßiger Mengen von Insulin anregt - was erneut Hunger verursacht. Außerdem raubt Zucker Kalzium und Vitamin B, und er ist ein gefundenes Fressen für Bakterien, die Säure ausscheiden und dadurch die Zähne schädigen. Man sollte sich anstelle von Süßigkeiten so genannte Mehrfachzucker oder Polysaccharide zu Gemüte führen, wie sie etwa in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nudeln, Brot, Gemüse und Kartoffeln enthalten sind. Sie liefern Vitamine und Mineralstoffe, werden nur langsam in Einfachzucker zerlegt und sättigen demzufolge auch nachhaltiger.

Vegetarier leiden an Eisenmangel

Keine Spur: In 100 Gramm Rindfleisch sind etwa zwei Milligramm (mg) Eisen enthalten. Aber auch viele pflanzliche Lebensmittel weisen reichlich Eisen auf, das allerdings vom Körper etwas schlechter verwertet werden kann. Allein mit sechs Scheiben (300 Gramm) Roggenvollkornbrot könnte ein Vegetarier seinen Tagesbedarf an Eisen decken. Aber auch Hülsenfrüchte, Nüsse, Schwarzwurzeln, Möhren, Spinat und Zucchini sind wertvolle Eisenlieferanten. Apropos Spinat: Obwohl er mit vier mg/100 g viel Eisen enthält, ist sein Ruf als allerbester Eisenlieferant auf einen Irrtum zurückzuführen: Der Physiologe Gustav von Bunge hatte im Jahr 1890 ganz korrekt den Eisengehalt von 100 g Spinat mit 35 mg ermittelt. Allerdings hatte er getrockneten Spinat untersucht, was bald in Vergessenheit geriet.

Der Schlaf vor Mitternacht ist besonders erholsam

Das kommt ganz darauf an. Denn die biologische Mitternacht schlägt nicht um Punkt 24 Uhr, sondern laut Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley aus Regensburg, zwischen 3 und 4 Uhr morgens. „Dann sind alle unsere Systeme am Tiefpunkt“, sagt er. Entscheidend ist laut Zulley also der Schlaf, der in der Zeit vor der Mitternacht der menschlichen Bio-Uhr liegt.

Ein Schnaps nach dem Essen fördert die Verdauung

Ganz im Gegenteil. Schnaps und „harte“ Alkoholika helfen schon gar nicht bei der Fettverdauung, denn für den Abbau des Alkohols stiehlt dieser laut Prof. Hans-Dieter Allescher vom Klinikum Garmisch-Partenkirchen die Verdauungsenzyme, welche eigentlich für die Fettverdauung benötigt werden. Das Gefühl der Erleichterung, das jemand nach einem „Verdauungsschnaps“ verspürt, beruht Allescher zufolge eher auf einer Betäubung der Magennerven durch den Alkohol; so wird das Völlegefühl nicht mehr so deutlich verspürt.

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